Archiv für den Monat: Oktober 2012

Ein semiotischer Spaziergang entlang der Potsdamer Straße

Mit einem Spaziergang für Erstsemester des ISR – Institut für Stadt- und Regionalplanung der TU Berlin heißt Metastadt die angehenden Stadtplanerinnen und Stadtplaner willkommen. Was mittlerweile schon eine kleine Tradition geworden ist wird dieses Jahr mit einem ganz besonderen Spaziergang fortgesetzt:

Die Straße, die Dinge und die Zeichen

ein Spaziergang entlang der Potsdamer Straße von und mit Karsten Michael Drohsel und Eva Reblin

Zeichen-Universum Potsdamer Straße, Foto: Eva Reblin

Was ist eine Straße? Sicher wird jetzt jede/r eine konkrete Straße vor Augen haben: die Straße der Kindheit, die Straße, in der die aktuelle Wohnung ist, die Straße, deren Adresse man auf Nachfragen als Wohnort angibt, die Straße der Eltern, der oder des Geliebten, poetische Straßen, imaginäre Straßen, die Straße der Lieblingskneipe oder eine Straße, wie sie in Kinderbüchern vorkommt. Diese Straßen bestehen aus Fahrbahnen und Gehwegen, vielleicht einer Bebauung am Rand, sie haben einen Anfang und/oder ein Ende, sie führen irgendwo hin, es gibt Abzweigungen, Wege, Randnutzungen und vieles mehr. Straßen sind linear geformte Räume in der Stadt, Verkehrswege, Ansammlungen von Dingen …

Straßen, und das wird klar, sobald wir uns der Erinnerung hingeben, bestehen über ihre Funktion als „Bewegungsadern und Strukturelemente der Stadt“ hinaus noch aus wesentlich mehr. Aus teilweise sichtbaren, teilweise unsichtbaren Dingen oder Eigenschaften, aus Materiellem und Immateriellem wie Erinnerungen, Geschichte und Geschichten und aus Referenzsystemen, von denen Zeichen eines wären.

Willkommen also in der komplexen Welt eines Ortes, der oberflächlich als Straße zusammengefasst und definiert wird. Willkommen in der konkreten Straße, der Potsdamer Straße in Berlin, die Eva Reblin in ihrer Dissertation „Die Straße, die Dinge und die Zeichen“ auf  ihren zeichenhaften, ihren „semiotischen“ Gehalt hin untersucht hat.

In unserem Spaziergang in der Potsdamer Straße wollen wir vor allem die Dinge und die Zeichen der Straße betrachten und erkunden, was sie uns über diese Straße, das Viertel, die Stadt mitteilen, was wir in ihnen lesen können. Dabei interessieren wir uns für (fast) alles, für banale (?) Verkehrs- und Straßenschilder, für Gebäude, Läden und Menschen, für Street Art und Mauerrisse, für Geräusche, Gerüche und Farben.

Dass jenes Straßenschild den Namen der Straße anzeigt, sehen und wissen wir. Wir wollen uns aber fragen, in welcher Weise es dies tut. Und ist dieses Haus eben nur ein Haus, in dem man wohnt oder arbeitet? Oder finden wir in ihm nicht eine Vielzahl von ganz unterschiedlichen Bedeutungs(ge)schichten? Wann werden die Straßendinge zu Zeichen? Können wir unterschiedliche Arten dieser Ding-Zeichen unterscheiden? Und wenn wir Kenntnis über das Vorhandensein und die Beschaffenheit von Zeichen erlangt haben, wie können wir diese im Sinne unserer Disziplin der Stadtplanung auslesen? Was sagt uns die Qualität und die Quantität von Zeichen, z. B. der Street Art oder der Dichte eines bestimmen Schrifttyps über die Frequenz und Nutzung des Stadtteils oder Kiezes? Kann eine bestimmte Nutzung oder Nicht-Nutzung ebenfalls ein Zeichen sein? Einige Grundbegriffe der Semiotik, der Wissenschaft von den Zeichen, sollen uns hier helfen, nach Antworten zu suchen.

Wir werden uns, ausgehend vom U-Bahnhof „Kurfürstenstraße“, in einigen Abschnitten auf der Potsdamer Straße bewegen, die ein Abschnitt der Bundesstraße 1, einer der wichtigsten Radialen Berlins ist. Sie führt vom U-Bahnhof Kleistpark in Schöneberg bis zum Potsdamer Platz und auf Grund der Lage und Länge durch viele urbane Sphären. Im Spazierengehen wollen wir nicht nur die Einzeldinge, sondern vielleicht auch „Bedeutungsreihen“ erschließen, dabei aber das Untypische, die Widersprüche nicht übersehen. „Die Hauptsache ist die Anhäufung von Lektüren der Stadt“, ein Satz von Roland Barthes, könnte unser Motto für diesen Zeichenspaziergang sein.

Der Spaziergang richtet sich primär an (Erstsemester)Studierende des ISR, in Ausnahmefällen können aber auch Gäste teilnehmen. Bitte nehmt hierfür Kontakt mit uns auf, wir melden uns dann bei euch und geben euch den Treffpunkt durch. (stadtstadtstadt web de – Leerzeichen1=at; Leerzeichen zwei=Punkt)

Wer sich über Eva Reblins Buch “Die Straße, die Dinge und die Zeichen” informieren möchte kann das hier oder hier tun.

urban view – Abschlussveranstaltung zum Forschungsprojekt “Umwege und Unorte”

“Flanieren ist Programm!” unter dieser Losung wurde von Tina Saum und Daniela Metz (die flanerie) aus Stuttgart ein Projekt initiiert, das sich im Bereich der “Artistic Research” verortet. Das bedeutet, dass Wissenschaftler und Künstler aus unterschiedlichen Disziplinen innert eines selbst erschaffenen temporären und mobilen flanerie-labors die umwege & unorte Stuttgarts erkundet haben und in dieser Konstellation ausprobiert haben, inwiefern das Flanieren als Arbeitsmethode in Verwaltung, Kunst und Wissenschaft verwendet werden kann.

Nachdem sechs Wochen lang flaniert, visioniert, entwickelt und experimentiert wurde, sollen ab Mittwoch kommender Woche (10.-14. Oktober 2012) die entstandenen Arbeiten und erste Erkenntnisse in einer interaktiven Werkschau im Stadtlabor Stuttgart aus- und vorgestellt werden. Gemeinsam soll ein Resümee über die Arbeitsweise, die Methode und die Vorgehensweise erarbeitet werden, das zum einen das Ende des ersten und gleichzeitig den Beginn des zweiten Zyklus markieren soll.

urban viewÖffentliche Werkschau zum Abschluss des flanerie-labors 10.-14. Oktober 2012, Stadtlabor Stuttgart

Claus Bauman, Anja Dauschek und Karsten Michael Drohsel begleiteten den gesamten Prozess und beobachteten als gop – groupe observateur provokativ den Arbeitsprozess. Zum Auftakt der urban view-Woche bitten sie nun in eine Arena zur Live-Auswertung der im Modellprojekt umwege & unorte gesammelten Materialien und Erkenntnisse. Mit Reflexion, Diskussion und Neuverortung eindeutig mehr als nur ein Einblick in die Arbeit der Flaneure!

Arena-Live-Auswertung: Mittwoch, 10.10.2012 / 19 Uhr im Stadtlabor Stuttgart / Kriegsbergstraße 30 / 70174 Stuttgart

Zudem finden Freitag, 12.10.2012 & Samstag, 13.10.2012 mehrere Audio-Walks des Belgrader Literaten Simon Maric und der Stuttgarter Flaneurin Tina Saum statt,  die eine Gruppe junger, blinder Menschen der Stuttgarter Nikolauspflege sie auf ihren alltäglichen Wegen durch Stuttgart begleiteten. Startzeitpunkt: Im Zeitraum von jeweils 11 bis 19 Uhr selbst auswählbar, Start- und Endpunkt: Stadtlabor Stuttgart / Kriegsbergstraße 30 / 70174 Stuttgart

Weitere Informationen unter: www.dieflanerie.wordpress.com/umwegeunorte

umwege & unorte. flanerie-forschungsreihe # 1 mit den Flaneuren: Dr. Claus Baumann, Philosophiedozent Universität Stuttgart und Duale Hochschule Stuttgart, Moritz Bellers, Dipl. Ing. Landschafts- und Freiraumplanung, wissenschaftlicher Mitarbeiter Institut für Landschaftsplanung und Ökologie / Universität Stuttgart, Dr. Anja Dauschek, Soziologin, Leiterin Planungsstab Stadtmuseum Stuttgart, Karsten Michael Drohsel, Diplomand der Stadt- und Regionalplanung an der TU Berlin, Co-Gründer der Mobilen Universität Berlin, Frank Gwildis, Amt für Stadtplanung und Stadterneuerung Stuttgart, Susanne Kudielka & Kaspar Wimberley, Künstler, treacle theatre und Arttours, Simon Maric, Literat und Musiker, Mitglied der Goethe-Guerillas aus Belgrad, Tina Saum, Flaneur und Forscherin, Sylvia Winkler & Stephan Köperl, Künstler, Kurt Laurenz Theinert, Fotograf, Lichtperformer.

Ein Projekt der flanerie. labor für gedanken & gänge, mit freundlicher Unterstützung: Kulturamt der Landeshauptstadt Stuttgart, Baden-Württemberg Stiftung, Stadtmuseum Stuttgart, Wirtschaftsförderung Region Stuttgart, Serbisches Akademikernetzwerk – Nikola Tesla e.V., Drama Köln, Goethe-Guerilla Belgrad, Goethe Institut, Bürgerstiftung Stuttgart, WIR SIND BABEL und urbanophil.