Archiv für den Monat: April 2013

SA. 04.05.2013 14:00 Uhr JANE`S WALK zu “Welche Farbe hat die Schöneberger Insel?”

Wir möchten Euch hiermit herzlich zum diesjährigen Jane`s Walk, in Erinnerung an Jane Jacobs, am kommenden Samstag den 4. Mai einladen. Thema wird dieses mal die Frage “Welche Farbe hat die Schöneberger Insel?” sein:
Können Kieze Farben haben? Und wenn ja, wie materialisieren sie sich? Welche Farbe hat ein Kiez, wenn wir die visuellen Eindrücke außer Acht lassen und uns auf die gehörte, gerochene oder gefühlte Farbe konzentrieren? Lassen sich Stadträume farblich verstehen und folglich auch farblich darstellen? Welche Funktionen übernehmen Farben dann und wie wirken diese Farben, wenn wir die visuellen Eindrücke mit den empfundenen Farben in Relation setzen? Bekommen Farben an Gebäuden, die Farbe der Infrastrukturen und Verkehrsmittel, farbig beleuchtete Häuser und Plätze eine neue Bedeutung? Werden wir durch Farben beeinflusst?  Das Buch „Welche Farbe hat Berlin“ von David Wagner hat uns inspiriert unsere Stadtwahrnehmung auf die Frage nach der Farbigkeit der Stadt zu fokussieren.

die farben oranienburgs

Auf Spaziergängen, die wir zu diesem Thema unternommen haben, sind uns viele relevante Fragestellungen eingefallen, vor allem aber sind uns funktionelle Farben aufgefallen. So gibt es z.B. Unterschiede in der Farbwahrnehmung zwischen Tag und Nacht. Nachts z.B. werden durch farbige Beleuchtung Leerstände sichtbar, die tagsüber in den Immobilien zu verschwinden scheinen. Dynamische Beleuchtungen, die sich dem Tageslicht und dem Sicherheitsbedürfnis anpassen tauchen Plätze und Tunnel in farbiges Licht, das jenseits der Bewusstseinsgrenze in der Lage ist Emotionen zu steuern u.a.m.

Farben spielen also tatsächlich eine große Rolle, auch in der Stadtliteratur und künstlerischen Stadtforschung: Über das erwähnte Buch des Flaneurs David Wagners hinaus fragt das Stadtblind-Kollektiv nach „Die Farben Berlins“ und gibt Antwort in Form eines Farbkarten-Index Berliner Orte und Tina Saum unternahm im Köln synästhetische Stadtrundgänge, um einige wenige Beispiele zu nennen.

Im Rahmen des diesjährigen Jane`s Walk wollen wir einen Spaziergang anbieten, der sich innerhalb eines kleinräumlichen Areals mit dem Thema „Farben einer Stadt“ auseinandersetzt und ein erfahrungsbasiertes Format zur Entdeckung dieser anbietet. Exemplarisch soll die Schöneberger Insel im Berliner Süden begangen werden und einige Orte im öffentlichen Raum untersucht werden.

Mit Hilfe von Methoden, wie z.B. der psychogeographischen Stadtkartierung, können die Teilnehmenden ein künstlerisch-wissenschaftliches Format kennenlernen und im Kollektiv eine Antwort auf die gestellten Fragen formulieren. Die Teilnehmenden bekommen ein Flaneurs-Set zur Hand und bahnen sich eigenständig einen Weg innerhalb des vorher abgesteckten Gebietes. Wahrgenommene und an bestimmten Orten assoziierte Farben werden kartiert und über Notizen und /oder Stichpunkten auf Papier erweitert. Gleichzeitig werden die Farberlebnisse fotografisch festgehalten, wodurch ein Fotoalbum mit Farbimpressionen entsteht.

Abschlissend wollen wir den Verlauf des Spaziergangs und die Erfahrungen reflektieren und die Ergebnisse der individuellen Farb-Karten und Pläne in eine gemeinsame Karte übertragen. Hierüber entsteht ein Austausch der verschiedenen Eindrücke unter den Teilnehmenden. Die persönlichen Eindrücke können von anderen bestätigt werden oder es kommen neue „Farben“ und Vorstellungen hinzu. Man erhält Informationen über die erlaufenen Orte: Was dominiert, was wiederholt sich, was für überlagerungen gibt es, d.h. in welchem Farbfeld sind wir eigentlich unterwegs gewesen und woran macht sich das fest?

Welche Farbe hat die Schöneberger Insel? – Ein Wahrnehmungs- und Erfahrungsspaziergang von und mit Andrea Respondek und Karsten Michael Drohsel

Treffpunkt und Uhrzeit: 04.05.2013 um 14:00 am nördlichen Brückengeländer der Julius-Leber-Brücke, nahe der Eisdiele. Wir werden mit einem Hinweisschild am Treffpunkt auf Euch warten. Der Spaziergang soll pünktlich beginnen, deshalb bitte auch pünktlich erscheinen. Dauer ca. 3 Stunden. Am Ende des Spaziergangs ist eine Einkehr geplant, um das erlebte zu reflektieren.

Die Teilnahme erfolgt auf eigenes Risiko und ist kostenlos, es wäre jedoch schön, wenn jede teilnehmende Person ein Spende für die Materialien geben könnte.

Alle weiteren Informationen findet Ihr unter www.janeswalk.net

zeichensprache und brailleschrift (menetekel, menetekel) eine reflexion des stadtforschertrainings #02

eine rätselhafte fabrik lässt die konsumarbeiter und ihre produkte wichtig aussehen. allein die größe ist verblüffend genug, die verbote zu ignorieren.

einer sagt, sein großvater hätte dort zeitungen gedruckt, bis ihn die nazis holten.

wir passieren das leere pförtnerhäuschen. eine kamera, die nun den dienst tut, blickt ins leere.

die straße ist laut. die straße sendet zeichen. die straße verschwindet hinter einem torbogen, der einen kleinen brunnen bereit hält. die schöne muse hat ein himmelszelt bekommen, mit goldenen sternen. am rande lauern monster auf kundschaft.

das atelier spuckt uns aus. passage auf die andere seite. komm, komm! nimm einen schluck codein in einem halbzerbrochenen champagnerglas.

die vernissage ist ein wochenende her. nun singen sie wieder, die betrunkenen vögel, dort wo ein postpaket seine eingeweide unter einer schlecht beleuchteten pyramide entleert.

im stillen kloster geht die tätowiermeisterin ihrer summenden arbeti nach und die straße ist nicht einmal mehr in erinnerung.

jetzt muss es schnell gehen. keine zeit für historische schichten und das ballett des elendsstrichs. die frauen schreien herüber, man kann es bis in benjamins wohnzimmer hören.

wir stehen um die ecke und sehen erstaunt die elegante bewegung des privaten weges. in einem geheimen postamt wird geheiratet und am ende der straße türmt sich brüssel auf. die fragen nach etwas kleinem, erwas gelbem und etwas rundem stehen im raum. wer hat wohl was gesehen?

SA. 20.04.2013 14:00 Uhr: STADTFORSCHERTRAINING #02 mit Eva Reblin

Die Straße, die Dinge und die Zeichen – ein semiotischer Spaziergang entlang der Potsdamer Straße von und mit Eva Reblin

Was ist eine Straße? Sicher wird jetzt jede/r eine konkrete Straße vor Augen haben: die Straße der Kindheit, die Straße, in der die aktuelle Wohnung ist, die Straße, deren Adresse man auf Nachfragen als Wohnort angibt, die Straße der Eltern, der oder des Geliebten, poetische Straßen, imaginäre Straßen, die Straße der Lieblingskneipe oder eine Straße, wie sie in Kinderbüchern vorkommt. Diese Straßen bestehen aus Fahrbahnen und Gehwegen, vielleicht einer Bebauung am Rand, sie haben einen Anfang und/oder ein Ende, sie führen irgendwo hin, es gibt Abzweigungen, Wege, Randnutzungen und vieles mehr. Straßen, und das wird klar, sobald wir uns der Erinnerung hingeben, bestehen über ihre Funktion als „Bewegungsadern und Strukturelemente der Stadt“ hinaus noch aus wesentlich mehr. Aus teilweise sichtbaren, teilweise unsichtbaren Dingen oder Eigenschaften, aus Materiellem und Immateriellem wie Erinnerungen, Geschichte und Geschichten und aus Referenzsystemen, von denen Zeichen eines wären. Straßen sind Teile der Stadt, aber in ihnen bündelt sich kaleidoskopartig auch das Städtische im Allgemeinen.

In unserem Spaziergang in der Potsdamer Straße wollen wir vor allem die Dinge und die Zeichen der Straße betrachten und erkunden, was sie uns über diese Straße, das Viertel, die Stadt mitteilen, was wir in ihnen lesen können. Dabei interessieren wir uns für (fast) alles, für banale (?) Verkehrs- und Straßenschilder, für Gebäude, Läden und Menschen, für Street Art und Mauerrisse, für Geräusche, Gerüche und Farben.

wulle

Dass jenes Straßenschild den Namen der Straße anzeigt, sehen und wissen wir. Wir wollen uns aber fragen, in welcher Weise es dies tut. Und ist dieses Haus eben nur ein Haus, in dem man wohnt oder arbeitet? Oder finden wir in ihm nicht eine Vielzahl von ganz unterschiedlichen Bedeutungs(ge)schichten? Wann werden die Straßendinge zu Zeichen? Können wir unterschiedliche Arten dieser Ding-Zeichen unterscheiden? Und wenn wir Kenntnis über das Vorhandensein und die Beschaffenheit von Zeichen erlangt haben, wie können wir diese auslesen? Kann eine bestimmte Nutzung oder Nicht-Nutzung ebenfalls ein Zeichen sein? Einige Grundbegriffe der Semiotik, der Wissenschaft von den Zeichen, sollen uns hier helfen, nach Antworten zu suchen.

Wir werden uns, ausgehend vom Hof des ehemaligen Tagesspiegel-Gebäudes, in einigen Abschnitten auf der Potsdamer Straße bewegen, die ein Abschnitt der Bundesstraße 1, einer der wichtigsten Radialen Berlins ist. Sie führt vom U-Bahnhof Kleistpark in Schöneberg bis zum Potsdamer Platz und auf Grund der Lage und Länge durch viele urbane Sphären. Im Spazierengehen wollen wir nicht nur die Einzeldinge, sondern vielleicht auch „Bedeutungsreihen“ erschließen, dabei aber das Untypische, die Widersprüche nicht übersehen. Zum Abschluss des Rundgangs übt sich jede/r, nach einer nur formbezogenen Vorgabe, individuell oder in einer kleinen Gruppe, darin, ein oder mehrere Zeichen zu suchen bzw. zu erfinden, zu bestimmen und über sie nachzudenken. „Die Hauptsache ist die Anhäufung von Lektüren der Stadt“, ein Satz von Roland Barthes, könnte unser Motto für diesen Zeichenspaziergang sein.

Treffpunkt und Uhrzeit: 20.4.2013 um 14:00 im Hof des ehemaligen Tagesspiegel-Gebäudes in der Potsdamer Straße 77-87 (zwischen Pohl- und Lützowstraße; U Kurfürstenstraße). Dauer ca. 2 Stunden.

Wir gehen pünktlich los. Im Anschluss ist eine Einkehr in ein ortsnahes Café geplant. Die Teilnahme erfolgt auf eigenes Risiko und ist kostenlos. Jedoch wäre es schön, wenn jede teilnehmende Person ein Spende für die Vortragenden oder Vermittelnden geben könnte. Der Spaziergang ist barrierefrei.

Wer sich vorab informieren möchte, findet hier den Link zu Eva Reblins Dissertation “Die Straße, die Dinge und die Zeichen” und hier eine Rezension.

Das Stadtforschertraining findet zweimonatlich, i.d.R. jeweils am 3. Samstag statt. Der nächste Termin ist ein Soundwalk und findet am 15. Juni in Erlangen statt. Der Termin im August wird frühzeitig bekanntgegeben.