Archiv für den Monat: Dezember 2013

Unten, oben, unten und ganz unten – der Tunnel

Pünktlich traf sich eine Gruppe von acht Leuten zum letzten Stadtforschertrainig des Jahres 2013. Der Ort war mit Bedacht gewählt: die nördliche Verteilerebene des S-Bahnhofes Potsdamer Platzes. Ein unterirdischer Ort, irgendwie lost, ein leerstehendes Geschäft, symetrische Treppenanlage mit Glasmosaiken. Ich sprach über den Plan von 1909 einen Tunnel unter Stadt zu bauen, und vor allem über den utopischen Roman “Der Tunnel” von 1913. Verwirrende Parallelen bestehen zwischen der Geschichte Berlins und diesen Roman wo ein Tunnel von Amerika nach Europa unter den Atlantik gegraben wird. Und unsichtbar hinter der Mauer: der Führerbunker.

Skizze: Sebastian Strombach

Skizze: Sebastian Strombach

Zweite Station: B-Ebene, Potsdamer Platz. Nicht zu sehen: der Platz, der Weihnachtsmarkt. Dafür zeigte ich ein Gemälde von 1914, Prostitution auf den Potsdamer Platz, das Gewussel damals, das Triebhafte der Großstadt, die Hure Babylon als Schreckensbild der Stadt.
Ich las aus der Bibel vor: Der Turmbau zu Babel, die Sprachverwirrung; das antike, gegenwärtige Wirrsal der Stadt und die Abhilfe: die B-Ebene, technische Lösung des Kuddelmuddels.
Dann gingen wir über verschlungene Gänge an den tiefsten Punkt des neuen Regionalbahnhofes.
Untermeerisch, menschenleer. Hier gibt es sogar ein Graffitti, das Einzige weit und breit.
Vor der gigantischen Vortriebskammer der Tunnelbohrmaschinen zitierte ich aus den Buch “Der Tunnel”:  “Allans Bohrmaschine” glich einen “gepanzerten Tintenfisch” der sich in “urtiertischen Zorn” brüllend durch das Gestein fraß. Als ich endete wehten von oben Weihnachtslieder nach unten, seltsam entrückt.

Weiter ging es per S-Bahn zum Anhalter Bahnhof. Mit meinen Comic zeigte ich nie gebaute Abzweigungen auf, dann gingen wir nach oben und betraten die verschwundenen Halle des Anhalter Bahnhofes. Laut Benjamin die “Mutterhöhle” der Eisenbahn gesprengt aus ideologischen Gründen von der SPD. Auf den grünen Platz kickten ein paar Nimmermüde Fußball.

Comic: Sebastian Strombach

Comic: Sebastian Strombach

Wir nahmen die Treppe des Tempodroms, und entdeckten oben Obdachlose unter den Dach des Gebäudes. “Hier war ich noch nie” – kam aus der Gruppe und über noch vorhandenen Bahnsteigsreste des Anhalters gelangten wir zur Brücke über den Landwehrkanal.

Verkehrsebenen: unsichtbar die U7, dann der Kanal, die Kanalstraßen, wir auf der Fußgängerbrücke, darüber die Hochbahn und der Rosinenbomber des Technikmuseums. Noch unsichtbarer: der Turm Babel II, aus Metropolis, den ich mittels des berühmten Filmbildes zeigte. Die Stadt der Zukunft: Verkehr auf mehreren Ebenen, ein Postkartenmotiv heute und vor Hundert Jahren.
Ich laß aus dem futuristische Manifest von 1914: “Das futuristische Haus” wird sich “über den Geheul eines lärmenden Abgrundes erheben”. Der Zwischenruf aus der Gruppe “die wurden alle Faschisten” war eine gute Überleitung zur nächsten Station.

Zwischen den wahrscheinlich bald verschwunden Viadukten des Gleisdreiecks (Einsturzgefahr! Bauarbeiten ab 16.12.) kamen wir zum Tunnelmund des neuen Fernbahntunnels. Dazwischen viele Fragen zur Eisenbahngeschichte Berlins, die Blockkade (Rosinenbomber), die Gegenblockkade des Westens, der Bau des Eisenbahnringes um Berlin, die logistische Voraussetzung des Mauerbaus.
Auf den Hügel des Tunnels, dann die Traumstadt der Nazis, geplant auf den gigantischen Gleisanlagen der Berliner Kopfbahnhöfe. Ein Gespräch in der Gruppe entstand über Albert Speer, seine Lügen und den Ingenieursmythos des 20. Jahrhunderts, Homo Faber und alles ist Machtbar. Der Große Plan, Social Engineering…

Über das Parkhaus am Landwehrkanal kamen wir zu dem riesigen Loch im Haus. Ein weiterer “Vorratsbau” für die S 21, das Tunnelsystem ist noch lange nicht fertig. Wir gingen am vielbefahren Kanalufer entlang, es wird Dunkel, wir kamen am Tunnelmund des Straßentunnels vorbei, und liefen die Schlucht zwischen Stabi und Musikaltheater entlang. An der Öffnung zum Marlene Dietrich Platz: Menschenmassen, ein in allen Farben leuchtender riesiger Weihnachtsbaum. Ich erzählte wie die Nazisachse in der Nachkriegszeit zur Westtangente mutierte, die Autobahnpläne der 1960er.

Unter den Platz: Ver- und Entsorgung Potsdamer Platz, 10 LKW Züge nebeneinander, vier Parkebene, Straßentunnel, Ausfahrten. Eine Stadt nur für Autos? Ein Teilnehmer: die planten eine Stadt für 3 Millionen Autos.

An der neuen Potsdamer Straße: Gitter im Gehweg: die U-X, 200m Tunnel zum nirgendwo, auf Vorrat gebaut, eine Eventlocation. Später erzählte mir ein Teilnehmer er komme aus Dresden, da gibt es keine Tunnel, keine U-Bahn und die Stadt ist schuldenfrei – gibt es ein da einen Zusammenhang? Berlin hat viele Tunnel, genutzt und ungenutzt…

Weiter gingt es durch den dunklen Tiergarten, die ehmalige Siegesallee hatte ganz früher alle 5 Meter ein kitschiges Denkmal, noch vor ein paar Jahren sogar Laternen. Jetzt ist es ganz dunkel.
Vor dem russischen Ehrenmal wurde es wieder heller, ich stellte mich auf einen Kanaldeckel: hier irgendwo ist der Einstieg zu Nazistraßentunnel, genau hier sollte die Kreuzung der Nord-Süd und der Ost-West Achse sein: gleich nach der Kapitulation, noch 1945 bauten die Russen hier das Denkmal.

Weiter ging es zur Wiese vor dem Reichstag, hier stand die Siegessäule, unter uns Tunnel neben Tunnel. Tunnelbeton, Schweizer Beton, und Berliner Beton, es kommt darauf an was man daraus macht. Dort wo das Bundeskanzlerinnenamt steht sollte das Adolf-Hitler Palais entstehen, da die Kuppelhalle über der Spree. Die Spree verlegen? Kein Problem in den 1990ern erfolgreich gemacht, dem Ingenieur ist nix zu schwör.

Wir tauchten wieder ab: in den U-Bahnhof Bundestag, schön und leer, hier wurden als er noch nicht in Betrieb war Zombie Filme gedreht (Resident Evil). Hauptbahnhof, Bauschild: hier entsteht die S 21, erster Bauabschnitt, der Tunnel unter den Atlantik ist noch lange nicht fertig. Daneben der dunkelste und dreckigste Abstieg zur unterirdischen Halle des Hauptbahnhofes, helles Lichte, am Boden des Abrundes, noch einmal das futuristische Manifest: Das futuristische Haus steht “über der Straße, die […] sich um einige Stockwerke unter der Erdoberfläche senkt; diese Stockwerke nehmen den städtischen Verkehr auf und sind miteinander durch Metallstege und durch Rolltreppen mit hoher Geschwindigkeit verbunden.”

Mit einen gläsernen Aufzug ging es sehr langsam bis ganz nach oben zur S-Bahn. Nach 3 Stunden 15 Minuten trennten sich die Wege.

(Vielen Dank an Sebastian Strombach für die Leitung des Stadtforschertrainings und den Dokumentationstext. Skizze und Comic sind ebenfalls von ihm.)

SA. 14.12.2013 14:00 Uhr: STADTFORSCHERTRAINING #06 MIT SEBASTIAN STROMBACH

DER TUNNEL – UNSICHTBAR-SICHTBAR ODER SICHTBAR-UNSICHTBAR?

Das letzte Stadtforschertraining 2013 wird ausserhalb der Regelmäßigkeit (dritter Samstag in den geraden Monaten) stattfinden, da wir vermuten, dass am 21. Dezember schon alle bei der Familie irgendwo in Rest-Deutschland Glühwein und Braten genießen. Somit würde unser Freund und Partner Sebastian Strombach seinen wunderbaren Spaziergang alleine bestreiten, was sicher ein schönes Erlebnis ist, doch zusammen macht es einfach mehr Spaß.

Im folgenden seine Ankündigung mit dem geplanten Spaziergang, der sich auf die Suche nach den sichtbaren und unsichtbaren Stätten und Städten macht, die sich im Laufe der Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte in Berlin übereinander gelegt haben oder unter die historischen Schichten gegraben wurden, wie eben der Tunnel:

1913 schrieb B. Kellermann den fantastischen Roman “Der Tunnel”. Kurz vorher im Jahre 1909 gab es den ersten Entwurf eines Tunnels unter dem Tiergarten. Fast 100 Jahre sollten vergehen bis dieses Projekt in die Tat umgesetzt wurde. Der Plan verwandelte sich fortlaufend durch die Jahrzehnte, hieß nacheinander Siegesallee, Mächler-Plan, NS-Tunnel, Große Achse, Westtangente, Verkehrsanlagen im zentralen Bereich oder Tiergartentunnel. Teilweise wurden Teile der einzelnen Planphasen verwirklicht, andere wieder abgerissen, zerstört, gesprengt, verschoben, wieder aufgenommen und gestoppt.
Wir wollen auf unserem Spaziergang den Unsichtbaren nachspüren, den Tunnel von oben besichtigen und dabei eine gigantische erdachte Stadt besichtigen, die verborgen in der Erde schlummert.

Literatur:
Bernhard Kellermann: Der Tunnel. Fantastischer Roman von 1913, über den Bau eines unterseeischen Tunnels der Amerika mit Europa verbinden soll. Der Roman ist in einer sehr expressionistischen Sprache geschrieben, heroisiert den Ingenieur und dämonisiert die Massen die den Tunnel graben, und ist in einzellnen Passagen explizit rassistisch. Der Tunnel wird schließlich nach unendlichen Schwierigkeiten und Rückschlägen endlich fertiggestellt. Weitere Infos zum Buch hier und hier

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Der Spaziergang wurde konzipiert von Sebastian Strombach, der ihn auch durchführen wird.

Beginn: Samstag, 14. Dezember 14:00 Uhr (s.t.=pünktlich) am S-Bahnhof Potsdamer Platz, nördliche Verteilerebene, Ausgang Voßstraße. Für alle Fälle kann Sebastian unter 0176.54768270 erreicht werden.

Dauer: Ca. 3 Stunden mit abschließender Einkehr. Die Teilnahme erfolgt auf eigenes Risiko und ist kostenlos. Jedoch wäre es schön, wenn jede teilnehmende Person ein Spende für die Vortragenden oder Vermittelnden und die Materialien geben könnte. Bitte S-Bahnfahrkarte mitbringen, es wird eine Station mit der Bahn zurückgelegt.

Das Stadtforschertraining findet zweimonatlich, i.d.R. jeweils am 3. Samstag statt. Der nächste Termin ist somit am 15. Februar. Das Thema wird rechtzeitig über die üblichen Plattformen bekanntgegeben.

Die Gewinnerinnen des Spaziergangswettbewerbs 2013 stehen fest

Nach Sichtung der vielen schönen Einreichungen, war das Ergebnis letztlich doch sehr eindeutig, insofern freuen wir uns sehr, euch die Ergebnisse des Spaziergangswettbewerbs 2013 mitzuteilen:

Den ersten Platz belegt für uns der Spaziergang “Lost and Found” von Pieke Blieffert aus Leipzig. Der zweite Platz geht an Marta Setúbal aus Berlin für den Spaziergang “Verirren” und den dritten Platz belegt Isobel Egan ebenfalls aus Berlin mit ihrem Spaziergang “Blindgänger”. Den drei Gewinnerinnen unsere herzlichste Gratulation!!!

Ein Spaziergang des Wettbewerbs, hat es uns besonders angetan, konnte aber im Ranking, aufgrund der sehr knapp zu wenigen Punkte nicht berücksichtigt werden. Wir haben uns jedoch dazu entschlossen eine lobende Erwähnung des Spaziergangs auszugeben: Besonders hervorheben möchten wir den Spaziergang “Out of Area” von Sebastian Strombach aus Berlin.

Die Spaziergänge sind als PDF verlinkt, sodass ihr euch auf unterschiedliche Weisen selbst verirren oder nachlesen könnt, wie andere sich verirrt haben. Ihr braucht zum Runterladen lediglich auf den Namen des Spaziergangs klicken.

Allen Teilnehmenden vielen Dank für die schönen und anregenden Einreichungen. Wir freuen uns schon auf den nächsten Wettbewerb. Solltet ihr zwischenzeitlich einen Spaziergang haben, den ihr gerne publizieren oder auch anbieten wollt, dann könnt ihr euch gerne bei uns melden.

Herzliche Grüße von der Jury
Karsten, Eva, Werner und Andrea