Archiv für den Monat: Januar 2014

Rezension »Nirgendsland – Eine Reise durch Europa« von Johanna Schöner und Bettina Marx

Über Europa wurde in den vergangenen Monaten eifrig diskutiert: Besonders über Rettungsschirme, nationale Zuweisungen, Armutsmigration usf. Die Diskussion bewegte sich dabei stets auf einem abstrakt-politischen Niveau, war dabei oft verallgemeinernd und bisweilen missachtend, beleidigend und arrogant. Besonders beim Lieblingsthema der Deutschen, dem eigenen Fleiß und der anderen Faulheit, kam jede Diskussion, vom Stammtisch bis zum Wahlkampf, in Schwung.

Die Abbildung wurde der Webseite des Gudberg Verlags Hamburg entnommen.

Die Abbildung wurde der Webseite des Gudberg Verlags Hamburg entnommen.

»Europa bedeutete Bürokratie, nicht Begeisterung« beschreiben die beiden Autorinnen des Buches »Nirgendsland – Eine Reise durch Europa«, das Mitte des Jahres im Gudberg Verlag Hamburg erschienen ist, diese Wahrnehmung und ebenso wie ich mich, fragen sie sich, ob es das ist, was unter dem Begriff des europäischen Gedankens zusammengefasst wird. Wo bleiben in diesem Bild die Menschen und deren Geschichte(n), die das europäische Territorium bewohnen und einen Staatenverbund somit erst zu Europa machen? Gibt es eine europäische Identität und wo findet sich diese?

Diesen Fragen stellten sich die beiden Autorinnen, auf ganz andere, als die bisher im Tagesgeschehen dominierende Weise, nämlich namentlich-persönlich, vielfältig und intim. So wird das Buch im Klappentext als Kaleidoskop vorgestellt, was es inhaltlich auch ist: eine bunte Sammlung an persönlichen Geschichten, die die Autorinnen auf mehreren Europareisen zwischen April 2012 und März 2013 erlebt haben. Geschichten, die ihnen zugetragen wurden bzw. die sie in Interviews, die den einzelnen Kapiteln zu Grunde liegen, in Erfahrung gebracht haben. Einige Personen und deren Geschichten verweisen aufeinander oder empfehlen sich gegenseitig, andere sind zufällig dazugestossen, bei manchen ist es unklar, aus welchem Grund sie Eingang in das Buch gefunden haben.

Ich habe mich stets bemüht die sorgsam ausgewählten Personen als Stellvertreter einer Gruppe oder eines gesellschaftlichen Phänomens zu verstehen, was mir aber nur selten gelang. Grundsätzlich gibt das Buch eine Menge Anknüpfungspunkte dafür, ist dabei aber selbst nicht sehr konsequent und verliert sich manchmal in Beliebigkeit, die bisweilen durch die zwardurchgängig sehr anregenden und teilweise sehr intensiven, dennoch bisweilen zu abstrakten Bilder von Bettina Marx unterstrichen wird.

Bleiern fand ich die Geschichte »Smileytanz im Rheinland« über die beiden Teenager Friederike Hellmich und Maike Wilken und wirklich belanglos die Geschichte des obdachlosen Punks Laszlo Jozeff Balkol aus Budapest. In beiden Fällen erkenne ich den Willen der Autorinnen einen großen Bogen aufzuzeigen und über die Geschichte in eine für viele sicher unbekannte Welt einzutauchen, doch geben die Protagonisten und deren Geschichten dies nicht her. Vielleicht ist es in diesem Fall meiner Wahrnehmung geschuldet, dass ich beim Thema Ungarn an die gerade dort ablaufenden, sich zuspitzenden Konflikte und den latenten Rechtsruck der Regierung denken muss und dann auch eine derartige Auseinandersetzung erwarte, jedoch bemerke ich auch an anderen, vergleichbaren Stellen, dass auf diese Weise das Konzept brüchig wird und die im Buch enthaltenen sehr starken Geschichten, wie z.B. die von Roza Bieliauskiene oder die der zwei rumänischen Brüder Bogdan und Razvan Dumitrascu, von denen der eine in Deutschland, der andere in Rumänien Berufsmusiker ist, dadurch geschwächt werden.

Aber, obwohl der Begriff des Kaleidoskops und die Organisation des Buches nach diesem Modell einen großen Teil der Rezeptionsverantwortung an die Leserschaft abgibt, habe ich im Verlauf des Lesens und zuletzt in den Ausführungen des Michal Musiol verstanden, was mit einem zeitgemäßen Europa gemeint sein könnte: Musiol bezieht sich in seiner Vision Europas auf die Parole »e pluribus unum«, die auf amerikanischen Banknoten steht. Aus den Vielen das Eine, könnte auch ein Modell für die Wahrnehmung Europas sein, das stets versucht eins zu werden, ohne die Vielheiten in ihrer Gesamtheit und Schönheit zu schätzen.

Insofern hat das Buch, mit all den von mir beschriebenen Schwächen, trotzdem sein Ziel erreicht: es hat meinen Blick auf Europa, die Menschen sowie deren Freud und Leid, deren Geschichte und Geschichten und deren Traditionen, wie Hoffnungen und Sehnsüchte, geöffnet und erweitert und mir darüber hinaus klargemacht, dass Europa noch vor dem territorialen und wirtschaftlichen Verbund vor allem eines ist – eine Haltung. In diesem Sinne möchte ich das Buch, vor allem auch im Hinblick auf die im kommenden Jahr anstehenden Europawahlen, unbedingt empfehlen. Denn wer die Sehnsüchte der Menschen kennt, deren Hoffnungen und Wünsche, weiß, dass wir alle gemeinsam Verantwortung für das Fortbestehen der Utopie, des Nirgendsland, haben und das wir dieser gerecht werden müssen.

—————————————————————————————————————–

Nirgendsland – Eine Reise durch Europa

Herausgeberinnen: Johanna Schoener, Bettina Marx

Softcover, veredelt; 152 Seiten mit Illustrationen von Bettina Marx
ISBN: 978-394306127-7, Preis: EUR 16,90
Das Buch ist im Oktober 2013 erschienen

Webseite des Verlags hier

Webseite der Herausgeberinnen hier und hier

Inhaltsverzeichnis und Beispielseiten hier

Videoreise durchs Buch hier