Archiv für den Monat: Februar 2014

Das Nikolaiviertel – Mittendrin und doch nicht dabei

Das Nikolaiviertel und seine Umgebung war Gegenstand des letzten Stadtforschertrainings, am 15.02.2014. Mit Hilfe eines sensorischen Spaziergangs haben wir Atmosphären im und ums Nikolaiviertel erleben können, um zu besser zu verstehen, wie sich der Nikolaiviertel im Stadtraum integriert oder sich von ihm ausgrenzt.

Kartierung der Begehung Boris Boekhoff

Kartierung der Begehung Boris Boekhoff

Wahrnehmung von Bereichen und Verbindungen

Das Nikolaiviertel wurde von den Teilnehmern als ein in sich gekehrter und nach außen hin abweisender Raum empfunden, der in einem touristischen Kontext zum einem höchstens temporären Aufenthalt einlud. Unterstützt wurde dieses Empfinden durch den Eindruck, dass es sich um ein Freiluftmuseum handelt in dem Objekte und Empfindungen zu Alt-Berlin ausgestellt werden. Die angrenzenden Stadträume gestalten sich zum Nikolaiviertel sehr kontrastreich. Da gibt es die „schöne“ und „unerwartete“ aber auch „unberlinerische“ Promenade am Spreeufer, an der sich – nur wenige Meter vom Viertel entfernt – keine Touristen aufhalten und die sich für einige Teilnehmer so „garnicht zentral“ angefühlt hat. Am Ende dieses Weges am Wasser fanden die Teilnehmer in der Umgebung der Jannowitzbrücke eine „identitäts- und kommunikationslose“ Gegend wieder, die bei einigen durch die weiten und großteiligen Straßenräume ein unangenehmes Gefühl hervorrief. Hier fiel es den Teilnehmern sehr schwer sich vorzustellen, dass das Nikolaiviertel nur wenige Meter entfernt liegt. Treffend wurden die beiden so sehr unterschiedlichen Atmosphären damit beschrieben, dass das Nikolaiviertel der „Sonntagsausflug“ und die Jannowitzbrücke der „Wochentagstrubel“ sei. Interessant war jedoch, dass sich das unangenehme Gefühl der Teilnehmer verflüchtigte, sobald sie ein Objekt oder ein Gefühl vorfanden mit denen sie sich identifizieren konnten (das Buchstabenmuseum wurde von einer Teilnehmerin, die als Grafikerin arbeitet, als angenehmer Überraschungsfund aufgenommen).

Auf dem Weg zurück ins Nikolaiviertel entlang der Stralauer Straße fühlte man sich zunächst sehr deplaziert, da sich trotz der sehr breiten Bürgersteige kaum Fußgänger auf den Straßen befanden, dafür aber umso mehr Autos. Man könne hier Einsamkeit in mitten der Stadt finden, wurde angemerkt, sofern man sich nicht von den Autos stören ließe. Am Molkenmarkt öffnete sich dann für alle ein beeindruckender Blick auf das Nikolaiviertel und die Nikolaikirche selbst, der viele, die die Gegend sonst kannten, durchaus überraschte.

Grenzen und Ein- und Ausgangssituationen

Oft führten Torsituationen – entweder durch überbaute Durchgänge, bauliche Einrahmung oder das Vorhandensein zweier Statuen links und rechts von einer Treppe gefolgt von typologisch kontrastreichen Räumen – dazu, dass sich ein Gefühl des „Verlassens“ einstellte. Aber auch das bloße Betreten der Hinterhöfe in den die Plattenbauten keine historisierenden Verzierungen aufweisen, reichte für eine Teilnehmerin bereits aus um das Nikolaiviertel zu „verlassen“. Die große lichtlose Unterführung unter der Mühlendammbrücke wirkte für viele als starke Grenze und der Anblick eines Obdachlosen bestätigte für einige Teilnehmer diesen Eindruck.

Das Gefühl des Betretens des Nikolaiviertels wurde ähnliche wie beim Verlassen, durch Torsituationen hervorgerufen. Ein Wechsel im Straßenbelag, eine enge bauliche Einfassung und die kleinteilige Fassadenaufteilung sowie eine deutlich langsamere Art sich zu bewegen erzeugten einen starken Kontrast gegenüber dem weitläufigen, schnellen und vom motorisiertem Verkehr dominierten Molkenmarkt.

Auf nach Basel: schlafende vögel von Nora Mansmann & Diana Wesser

Im Rahmen einer Residenz beim trinationalen Festival/Symposium Art Affects – Politiken der Gefühle in Basel, arbeitet Diana Wesser gemeinsam mit der Autorin Nora Mansmann (www.nora-mansmann.de) an der Entwicklung eines interaktiven Walks, der Stein und Emotion, Stadt und Identität, Text und Performance verbindet. Am Donnerstag den 20. Februar stellen sie ihre Arbeitsergebnisse in Kooperation mit dem Theater Basel in Form einer Spurensuche im nächtlichen Basel vor. In der Bar aux Foux (Foyer Schauspielhaus Basel) laden sie abschließend zum Gespräch.

schlafende vögel – Nora Mansmann & Diana Wesser
Projektpräsentation & Spaziergang
20.2., 21 Uhr, Literaturhaus Basel
Barfüssergasse 3, 4051 Basel

Bereits um 19 Uhr liest Nino Haratischwili aus «Mein sanfter Zwilling».

http://www.literaturhaus-basel.ch/?navi_id=3&event_id=15893

Weitere Informationen zum Festival: hier
Das gesamte Programm von Art Affects – Basel findet ihr hier

Ausschreibung für die Entwicklung einer Stadtführung in Berlin

2012 entfachte in Berlin in den Medien sogenannte “Spätzlekrieg”. Vor allem am Prenzlauer Berg tauchten an den Hauswänden Graffitis wie die Abkürzung TSH (Totaler Schwabenhass) oder “Schwabe verpiss’ dich” auf. Der Schwabe wird demnach als Symbol für die Mietpreiserhöhungen und die Gentrifizierung (teilweise Disneyfikation) ikonisiert.

ARTTOURS aus Stuttgart wollen dieser Thematik nachgehen und in der neuen Saison eine Stadtführung durch Stuttgart in Berlin durchführen und eine eigene Rolle im Gentrifizierungsprozess spielen. Fragen hierbei sind u.a.: Welches Bild oder Karikatur eines “Schwaben” außerhalb Baden-Württembergs zeigt die (von den Medien) beschriebene oder (subjektiv) erlebte Situation? Wie passt das zu dem Bild mit denen Marketingstrategen und Medien Baden-Württemberg portraitieren? Wie sind die Medien zu verstehen? Wie spiegelt das Medien-Spekatakel reale oder live Events wieder?  Welche Beziehung haben eingewanderte Schwaben zu Berlin und welche Rolle spielen sie im Gentrifizierungsprozess? Welche Infrastrukturen oder welche Hierarchien sind entstanden? Warum ziehen so viele Schwaben nach Berlin? Wie kann mann eine Stadtführung durch Stuttgart in einer anderen Stadt durchführen? Wie und wo (wenn überhaupt) manifestiert sich “Stuttgart” in Berlin?

Alle Kunstformen und Herangehensweisen sind willkommen. Wir suchen unerwartete, experimentier-freudige, spielerische, subversive, herausfordernde und provokative Wege um sich kritisch mit einem Ort auseinanderzusetzen.

Alle Infos zu Ausschreibung findet ihr hier oder im PDF der Ausschreibung Prenzlauer Bergle

SA. 15.02.2014 14:00 Uhr: STADTFORSCHERTRAINING #07 MIT BORIS BOEKHOFF

Zwischen Altstadt und Autobahn – das Berliner Nikolaiviertel

 Das Nikolaiviertel ist der historische Kern Berlins. Es liegt Mittendrin und ist doch nicht so richtig dabei, wenn es um die Wahrnehmung des alten Berlins und die Altstadt geht, um die sich jede Stadt insbesondere bemüht.

Im Rahmen seiner vor zwei Jahren geschriebenen Bachelor-Arbeit “Berlins guter Kern…und keiner geht hin. – Desintegrative Topologien um das Nikolaiviertel” im Studiengang Landschaftsplanung und -architektur (Bachelor), hat sich Boris Boekhoff mit der Wahrnehmung und Begehbarkeit von Berlins älterter Mitte beschäftigt. Diesen Faden wollen wir aufnehmen und in einen kleinen forschenden Spaziergang versuchen herauszufinden, warum dieses historische Wohn- und Geschäftsviertel so zentral aber doch so oft so unbeachtet in der Stadt liegt.

IMG_3802

Wir wollen während des Spazierens zwischen dem Viertel und den angrenzenden Stadträumen hin und her “diffundieren” und werden uns durch das Schwellengebiet des Nikolaiviertels bewegen: einer leergeräumten Gegend aus breiten Straßen, Parkplätzen, namenlosen Abstandsgrün, aber auch ruhigen, fast vergessenen Altstadtpassagen und urigen Ecken.

In einer Mischung aus Flanerie, geführten Stadtspaziergang und forschender Begehung werden wir hier den historischen Spuren und Verbindungen der alten Stadtstruktur nachspüren und uns ein eigenes Bild über die Stellung des Nikolaiviertels im heutigen Berlin machen.

—————————————————————————————————————–

Der Spaziergang wurde konzipiert von Boris Boekhoff, der ihn auch durchführen wird.

Beginn: Samstag, 15. Februar 14:00 Uhr (s.t.=pünktlich) am Eingang des Ephraim Palais, Poststraße 16, Berlin-Mitte

Dauer: Ca. 3 Stunden mit abschließender Einkehr. Die Teilnahme erfolgt auf eigenes Risiko und ist kostenlos. Jedoch wäre es schön, wenn jede teilnehmende Person ein Spende für die Vortragenden oder Vermittelnden und die Materialien geben könnte.

Das Stadtforschertraining findet zweimonatlich, i.d.R. jeweils am 3. Samstag statt. Der April-Termin findet aber feiertagsbedingt ausserhalb des Turnus statt. Datum, Zeit, Treffpunkt und Thema werden rechtzeitig über die üblichen Plattformen bekanntgegeben.