Archiv für den Monat: August 2014

STADTFORSCHERTRAINING#10 DOKU

gipsy_danger

Auf den U-Bahnhof Parcelsusbad trafen sich am Samstag den 16.8. einige Unverzagte um das exotische Reinickendorf zu erforschen.
Los ging es an der sehr “gothic” Dorfkirche wo den Forschern einige Monster in Form von Robotern begegneten.
Zum Glück waren die nur gezeichnet, aber “Gipsy Danger” gab den ersten Wink ins Labrinth in was wir uns nun begeben sollten.
Labyrinthe sind von alters her der Tummelplatz von Monstern (Minotaurus und ähnlichen), aber wir wurden gleich darüber aufgeklärt dass das Labyrinth für den Lebensweg steht, ein manchmal unübersichtlichen Weg der uns in Angst und Schrecken versetzt kann, dann nämlich wenn wir vom Gewohnten abkommen. Und genau an der Schwelle zu diesen Abirrungen, besser gesagt Veränderungen lauern die Monster – aber sie sind gar nicht so Böse – genau wie Veränderungen ja auch Chancen sind.
Natürlich rettet Gipsy Danger den Planeten vor bösen auserirdischen Monstern, hinter den eckigen Blechformen schlägt ein sanftes Herz.
Das war der Umweg zu den Zigeunern, die dem Klischee nach ja wild sind aber auch leidenschaftlich, musisch begabt und eh Vorbilder für alle rastlos Wandelnden sind.
Von diesen Klische waren z.B. die Situationisten so begeistert das sie einen ganzen Stadtkosmos aus dieser Idee entwarfen.
Beim Wolkenbügel über der Aroser Allee dockten wir hier erstmal an New Babylon an – kurze Zeit später begaben wir uns auf psychogeographische Spurensuche.
Über eine lange Strecke ging es bis an die Grenze zum Wedding wo uns ein heftiger Regenguss nicht ganz überraschte. Zum Glück befanden wir uns gerade unter einem Wolkenbügel und stellten fest dass die Idee Gebäude auf Stelzen zu stellen viele praktische Seiten hat.
Unter dieser etwas spiessigen Version einer Unité unterhielten wir uns angeregt über die Idee des Wolkenbügels. Der Gedanke das ein Wolkenbügel, weil alle zusammen gleich auf einer Eben in der Luft angesiedelt sind (im Gegensatz zum kapitalistischen Wolkenkratzer der eine Hirarchie ausdrückt) für Freiheit steht, wurde dahingehend angezweifelt bzw. ergänzt dass so ein Gebilde auch für Abkapselung steht.
Wenn also El Lissitzky (der Erfinder des Wolkenbügels) davon spricht das die Architektur der Zukunft die Schwerkraft überwinden muss  – und somit Raumschiffe zu fernen Welten assoziert – dann steht ein Raumschiff zwar auch für Freiheit zu fliegen, aber auch für Sterillität und Abschließung und in unseren Fall für Spiessigkeit.
Den was nutzt der schöne Rasen vor den Wolkenbügel, wenn durch Schilder das Betreten streng verboten ist. Selbst Graffittis gab es unter diesen Wolkenbügel nicht.
Nach den Wolkenbruch tröpfelte es noch etwas, und es traf sich gut dass gleich gegenüber ein kleines Café war.
Gestärkt brachen wir nun in den Wedding auf, einen wahrlich psychogegraphisch übersprudelnden Gebiet, mit vielen Sackgassen und wilden Ecken.
An der ersten Sackgasse begegnete uns die Sintiza Unku, quicklebendige zehn Jahre alt in einem Roman lebend, in ihren wirklichen Leben wartete leider ein düsteres Schicksal auf sie.
Ganz hell strahlt Kryolan dagegen – was mir nur durch eine Internet-Recherche bekannt war, wußte eine Bühnen(-tanz) erprobte Teilnehmerin sofort: das diese Fabrik gegenüber, die Marke für Professional Make-up ist, in Film und Theater, mit Kunstblut und ohne.
Durch schöne Kleingärten ging es zur nächsten Sackgasse, einen toten Ende zwischen vernachlässigten 20er Jahre Bauten. Über Tretminen schreitend legten wir eine Gedenksekunde für Harald Juhnke ein der hier – mit Hut – von der Stadt Berlin geehrt wird.
Ein Orginaltext über obdachlose Jugendliche um 1930 versetze uns noch zusätzlich in Stimmung für diese ungeordnete, und darum eigentlich wunderschöne Gegend.
An der Panke entlang und auf Schleichwegen ging es zum Abschluss unseres Walks. Schön war die Entdeckung von Unkus Zigeunerwagen am Abend vorher  der nun eingebaut und überbaut in einen verwilderten Kleingarten steht – falls er es denn ist…
Das Ende war dann wirklich das Ende und auch wieder der Anfang: der Geburtsort Unkus – und überdeutlich immer noch mit unaufgeräumten Überbleibseln der Berliner Mauer bestückt. Ein wirklich klammes Gefühl stellte sich ein, Unku – Erna Lauenburger starb in Auschwitz.

SA. 16.08.2014 14:00 Uhr: STADTFORSCHERTRAINING #10 mit Sebastian Strombach

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Eine Stadt für Zigeuner

“Zigeuner” ist ein übel beleumundetes Wort, welches für manche schon im Gebrauch rassistisch konnotiert ist. Trotzdem fällt es schwer, sich mit dem Mythos dieser Menschen  auseinander zu setzen ohne dieses Wort zu gebrauchen.
Denn das, was dieses Wort assoziert, soll uns bei diesem Stadtforschertraining begleiten.
Schon immer waren Künstler von den angeblichen “freien” und “leidenschaftlichen” Leben dieser umherziehenden Menschen beeindruckt. Im Gegensatz dazu, waren aber andere davon überzeugt, dass  “Zigeuner” für alles Böse in der Welt standen und stehen: Schmutz, Kriminalität und Entführungen blonder Kinder.

Uns interessiert bei unserem Walk besonders der Mythos vom frei umherschweifenden Zigeuner. Er übte besonders auf die Situationisten und ihre Stadterkundungstechnik des “Derivé” großen Einfluss aus. Der Situationist Constant schließlich schuf aufbauend auf sein Schlüsselerlebnis – der Begegnung mit einer Gruppe Zigeuner – einen ganzen Stadtkosmos, das Projekt “New Babylon”.

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Doch New Babylon hatte Vorbilder. Auf eines stoßen wir am Beginn unseres Walks: den Wolkenbügel der Weissen Stadt.
Was ein Wolkenbügel eigentlich ist, wird hier noch nicht verraten (Kenner unserer Reihe werden aber einen anderen Wolkenbügel bereits begegnet sein).
Über eine “urbane Drehscheibe” werden wir dann in ein Gebiet, wo wirklich die Zigeuner einst lebten und heute auch wieder leben, kommen.
Das Gebiet weist gewisse Eigenschaften auf, die dazu führten, dass sich hier gesellschaftliche Outsider ansiedelten.
Diese “Psychogeografie”  entstand durch gescheiterte städtebauliche Planungen, aber auch durch geschichtliche Zusammenhänge wie die Mauer.

Genau hier begegnen uns literarische Zeugnisse, Gruppen und Einzelschicksale. Seltsamerweise sind sie stark am Ort präsent, gerade weil sie unsichtbar sind.

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Beginn: Samstag, 16. August 14:00 Uhr (s.t.=pünktlich) U-Bahnhof Parcelsusbad, Bahnsteigmitte
Achtung: Wir werden wärend des Walk zweimal mit der BVG und S-Bahn fahren, bitte Fahrkarten vorher besorgen !
Dauer: Ca. 3 Stunden mit abschließender Einkehr. Die Teilnahme erfolgt auf eigenes Risiko und ist kostenlos. Jedoch wäre es schön, wenn jede teilnehmende Person ein Spende für die Vortragenden oder Vermittelnden und die Materialien geben könnte.
Das Stadtforschertraining findet zweimonatlich, i.d.R. jeweils am 3. Samstag statt. Datum, Zeit, Treffpunkt und Thema werden rechtzeitig über die üblichen Plattformen bekanntgegeben.

Literatur und Filmempfehlungen:
“Ede und Unku”, Alex Wedding 1929
“Theorie des Umherschweifens”, Guy Debord 1955
“Blutsbrüder”, Ernst Haffner 1932
“Constant´s New Babylon – The Hyper-Architecture of Desire, Mark Wigly 1998
“Pacific Rim”, 2013

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