Archiv für den Monat: Dezember 2014

DIE GEWINNERINNEN DES SPAZIERGANGSWETTBEWERBS 2014 STEHEN FEST

Nach Sichtung der vielen schönen Einreichungen, und einer intensiven Debatte in der Jury war das Ergebnis letztlich überraschend eindeutig, insofern freuen wir uns sehr, euch die Ergebnisse des Spaziergangswettbewerbs 2014 mitzuteilen:
Den ersten Platz belegt für uns der Spaziergang “BerlinerBerge” von Jan Lindenberg und Niklas Fanelsa (weitere Infos im Web findet ihr hier). Der zweite Platz geht an “Straßennamen” (der Film zu dieser Arbeit findet ihr hier) von Christine Guérard, Julia Hutzler, Thurid Andreßen und den dritten Platz belegt “Stereo Tags” von J.Pappe (Pappsatt / Graffitiarchiv).
Den drei Gewinnerinnen unsere herzlichste Gratulation!!!

Die Spaziergänge sind als PDF verlinkt, sodass ihr euch auf unterschiedliche Weisen selbst eine Sequenz zusammenstellen könnt. Ihr braucht zum Runterladen lediglich auf den Namen des Spaziergangs klicken.

Allen Teilnehmenden vielen Dank für die schönen und anregenden Einreichungen. Wir freuen uns schon auf den nächsten Wettbewerb. Solltet ihr zwischenzeitlich einen Spaziergang haben, den ihr gerne publizieren oder auch anbieten wollt, dann könnt ihr euch gerne bei uns melden.

Herzliche Grüße von der Jury

Karsten, Eva, Werner und Sebastian

HAGEL UND MÄUSE

PROTOKOLL STADTFORSCHERTRAINING #12  vom 20.12.2014

Foto: Stephan Bosse

Foto: Stephan Bosse

Eine kleine Gruppe Unverfrorener traf sich letzten Samstag um das letzte Stadtforschertraining des Jahres zu begehen.
Sie trotzten dabei den grausten und garstigen Wetter nebst unzähliger Jahresendzeitmärkte.
Nachdem das Thema Comic ausreichend erörtert wurde, ging es ins liebliche Nikolaiviertel um dort an der Statue des heiligen St. Georges über Monster, Verwandlung und Revolution aufgeklärt zu werden.
Bei der Nächsten Station, der multiplen Gerichtslaube, begegnete Uns dann ein besonders greuliches Monster in Form von Mickey Mouse.
Damit war ein besonderes Feld aufgespannt: Walt Disney, seine Filme, sein Imperium und was das mit Stadt zu tun haben könnte.
Kontrovers wurden die Thesen Sebastian Strombachs diskutiert der es fertigbrachte den heiligen St. Walter (auch Fernsehturm geheissen) in eine Reihe mit süßlichen Kulissen klebriger Weihnachtsmärkten und Betonschlößern zu bringen, von Todessternen mal ganz abgesehen.
Denn den Spruch “das sieht ja aus wie Disneyland…” (einsetzen: Stadtschloß, Frauenkirche etc.), stellte er als bürgerliches Vorurteil hin – da Disneyland nun mal ein Freizeitpark ist, ein festinstallierter Jahrmarkt wo sich traditionell die niederen Stände (Proletariat) vergnügen.
Und Disney ist eben derjenige der (leider) für den Comic als solchen steht – und Comics sind nun mal gutbürgerlich gesehen Schundliteratur.

Genauer fing Walt Disney mit Filmen an, vermarktete dann seine Figuren auf den zweiten und dritten Weg in Form von Comics und anderen Kram (Merchandaising) um schließlich zuletzt seine Freizeitparks zu bauen.
Wie die unzäligen Berliner Weihnachtsmärkte ist Disneyland eine Mischung aus Gastronomie, Shops und Jahrmarktsattraktionen. Zusammengehalten wird dies durch Themen und Kulissen (Disney kommt von Film!), die Stimmung machen sollen.
Sebastian Strombach wies auf die Unterschiede zwischen einer Kulisse und einer Fassade hin, das Schloß wird nun mal ein Museum und das Nikolaiviertel ist ein Wohngebiet während hinter einer Kulisse meist nur Stützkonstruktion und Luft ist.

Und er stellte die Frage in den Raum wieso nur bei Rekonstruktionen der Spruch “das sieht aus wie Disneyland… ” kommt und nicht bei futuristischen Bauten wie den Fernsehturm und/oder bei der sogenannten Avangart-Architektur.
Der Fernsehturm ist definitiv gestalterisch eine Sputnik-Paraphrase, und was ist funktional dabei ein technischen Sendemast genau in die Mitte einer Stadt zu setzen und dann noch als Aussichtspunkt mit einen rotierenden Café zu versehen?
Die gleiche Form findet sich in Vergnügungsparks: zum Beispiel in Disneyland in Orlando, aber auch schon früher im Projekt des Globe Towers für Coney Island (nachzulesen in Delirious New York von Rem Koolhaas). Es ist seltsam das die Rekonstruktion von Gebäuden mit den Verweis auf einen TEIL Disnylands (den nostaligischen und den märchenhaften) “kritisiert” wird und dabei die modernistischen Teile eines jeden Disneylandes (und auch anderer Freizeitparks) “vergessen” werden – bei Disney ist es das Tomorrowland wo es um Science-Fiktion und reale Weltraumforschung geht.
Generell stellt sich auch die Frage wieso eigentlich im sozialistischen Zentum Berlins die von der Architektursoziologie “Disneyfizierung” genannte Strategie von Städten diese sauber, sicher und ordentlich (architektonisch) zu machen, so wunderbar passt. Ist das nicht eine kapitalistische Stratgie um Städte besser vermarkten zu können?
Die DDR machte die Mitte ihrer Hauptstadt extrem ordentlich: die realen (und erhaltenen) Überreste der Altstadt auf der Fischerinsel wurden Ender der 1960er abgeräumt um dann 15 Jahre später eine synhethische (ergo saubere und ordentliche) Altstadt im Nikolaiviertel wiederzuerrichtet.
So weit so Disney – und der Alexanderplatz? Der Platz eines Alfreds Döblins mit all seinen Randexistenzen und Zwielichtigen Gesindel (Döblins Held aus “Berlin Alexanderplatz”: ein aus den Knast entlassener Todschläger der sich mit Zuhälterei über Wasser hält) wird ebenfalls kahlgeschlagen und durcht die andere Variante ersetzt: Tomorrowland.
Der Fernsehturm: ein Sputnik-Raumschiff; die Weltzeituhr: ein kreisendes Planetensystem; am Fries des Haus des Lehrers: Raketen, Parabolantennen, Fernrohre; Haus des Reisen: Kosmonaut; Haus der Technik: Raumschiff-Enterprise Vordach…

Tja wie der Walk abdriftete zu Monster und Disney, driftet ich hier gerade ab, und doch war vielleicht das die Quintessenz.
Witzigerweise dachte ich lange gerade die Bildwelten eines Lebbeus Woods wären der neue Kitt dieses Walks.
Denn Woods war es der ein Projekt für den Alexanderplatz, für Alien III. machte, der Architektur zeichnete, nicht Comics aber in einen absolut comicartigen Stil.
Und seine Dekonstruktivistische Architektur reimt sich nun mal auf Rekonstruktion – gehören die Filmrechte von Alien eigentlich auch Disney?
Das Wetter holte uns übrigens genau an der letzten Station mit den Raketen ein: es   hagelte und blitzte und Eiskörner krachten von den oben herab.

Foto: Stephan Bosse

Foto: Stephan Bosse

SA. 20.12.2014 12:00Uhr: STADTFORSCHERTRAINING #12 MIT SEBASTIAN STROMBACH

DIE STADT als COMIC #2

Kann man die Stadt als Comic lesen? Und kann man einen Comic eigentlich gehen? Diejenigen die im April beim Stadtforschertraining dabei waren werden diese Frage hoffentlich mit “Ja” beantworten.

Zeichnung von Sebastian Strombach nach E. Gaertner

Zeichnung von Sebastian Strombach nach E. Gaertner

Der Comic ist Sequenz, Reihung von Elementen die sich wiederholen und doch ganz verschieden sind.
Rekonstruieren wir also den letzten Spaziergang, und wie es bei Rekonstruktionen üblich ist tauchen bei jeder “Wiederholung” neue Elemente und neue Sichtweisen auf.
Wir werden also noch mehr der Verbindung von Comiczeichnungen und Rekonstruktionen nachgehen, uns fragen ob Walt Disney eher etwas mit Weihnachtsmärkten zu tun hat als mit Betonschlößern und schließlich entdecken dass Disneyland von Aliens und startbereiten kommunisten Raumschiffen bevölkert wird.

Leiten tut diese Expedition Sebastian Strombach der selber Comics zeichnet. Als gelernter Architekt, machte er Ausflüge in die Filmbranche, war als Stadtführer unterwegs und ist Mitglied von mikromakro.

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Beginn: Samstag, 20. Dezember 12:00 Uhr (s.t.=pünktlich) Lustgarten, vor der Freitreppe des ALTEN MUSEUMS. Für alle Fälle kann Sebastian unter 0176.54768270 erreicht werden.
Dauer: Ca. 2+ Stunden mit abschließender Einkehr. Die Teilnahme erfolgt auf eigenes Risiko und ist kostenlos. Jedoch wäre es schön, wenn jede teilnehmende Person ein Spende für die Vortragenden oder Vermittelnden und die Materialien geben könnte.
Das Stadtforschertraining findet zweimonatlich, i.d.R. jeweils am 3. Samstag statt. Der nächste Termin ist somit am 21.2.2015 Das Thema wird rechtzeitig über die üblichen Plattformen bekanntgegeben.

Literaturempfehlungen:
Scott McCloud: “Comics richtig lesen”

Mélanie van der Hoorn: “Bricks & Ballons – Architecture in Comic-Strip Form”

dérive Nr. 38/ 2010: “Schwerpunkt: Rekonstruktion und Dekonstruktion”

Zeichnung von Sebastian Strombach nach E. Gaertner

Zeichnung von Sebastian Strombach nach E. Gaertner