Schlagwort-Archiv: Narrativ

URBANE COMICS

Rezension
“Pioniere des Comics – Eine andere Avangarde”
Hrsg.: Alexander Braun/ Max Hollein
Hatje Cantz Verlag 2016

URBANE COMICS

Es geschah irgendwann Mitte der 1980er in einen düsteren Hinterhofzimmer: Bei meinem ersten Berlinbesuch lag bei meinem Onkel eine Ausgabe von Little Nemo im Bücherregal.
Ich weiss nicht mehr, ob mir der Comic damals gefiehl oder nicht, aber es muß doch KLICK gemacht haben: ich klein und verloren in dieser seltsamen Mauerstadt, und dann die Geschichte von einem Jungen, der mit einem Zeppelin zum Mars fliegt und dort Abenteuer in unendlichen Straßenschluchten erlebt.
Die Szenerie hat mich jedenfalls nicht mehr losgelassen, und dass mein Onkel in der Druckerei des Tagesspiegels in der Potsdamer Straße arbeitet, deute ich heute ebenfalls als ein Fingerzeig.

Den um die frühen Comics in den Zeitungen geht es in “Pioniere des Comics – Eine andere Avangarde”, als Ausstellungskatalog (besser gesagt Ausstellungsbuch) im Hatje Verlag erschienen.
Der Herausgeber und Kurator Alexander Braun beschreibt fast im Alleingang die frühe Avangarde der Comickünstler von Winsor McCay über Lyonel Feininger, Charles Forbell, Cliff Sterrett, George Herriman und Frank King.

Comics erschienen erstmals ab 1895 in Nordamerikanischen Zeitungen aufgrund neuartiger Drucktechniken. Erstmals war es möglich Bilder (und zwar farbige Bilder!) in großer Auflage zu einem günstigen Preis in millionenfacher Auflage buchstäblich unters Volk zu bringen.
Die Comicbeilagen waren dabei in den “Zeitungskriegen” um Auflagenhöhe und Leser ein mehr als ausschlaggebendes Zugpferd, die Zeichner wurden vielfach voneinander abgeworben und verdienten sich eine goldene Nase.
Die bunten Zeichnungen waren damit das erste Bild-Massenmedium, noch vor dem Kino was damals noch nicht aus den Jahrmarkskontext herausgewachsen war.

Alexander Braun gelingt es mit einem exellenten Layout die ausgestellten Comics, mit zeitgenössischen Fotos und Abbildung aus Kunst und Film, in einen Kontext zu bringen der vielfache Verflechtungen und Beeinflußungen aufzeigt.
So wird Winsor McCays “Little Nemos” Mars-Episode (1910), Fritz Langs “Metropolis” (1927) bildnerisch gegenübergestellt: in beiden Medien verlieren sich die Protagonisten in unendlichen Straßenschluchten.
Vor dem tiefen Abgrund von Hochhausstädte schweben bei McCays Zeppeline, bei Lang Flugmaschinen, dazwichen tobt der Kampf der unterdrückten Klasse.

Zwischen den Bildern liegen 17 Jahre Zeit, aber sind ihre analogen Motive ein Zufall?
Vielleicht nicht, denn als Lang sich zu seiner berühmten Nordamerika-Reise 1924 einschifft, erscheint “Little Nemo” ein letztes Mal in den Zeitungen New Yorks.
Gleichzeitig landete der Zeppelin LZ 126 spektakulär in New York und seine Mannschaft wird mit Konfetti-Paraden und Empfängen überall geehrt.

Auf dem Dampfer hatte Lang just den Architekten Mendelsohn kennengelernt, der gerade das Mossehaus in Berlin futuristisch umgebaut hatte.
Und hier schließt sich der Kreis: denn im Berliner Presseviertel um die Kochstraße herum hatte es nicht nur eine ähnliche Entwicklug wie in Nordamerika gegeben (Zeitungskriege, technische Inovationen, massenhafte Vervielfältigung von Bildern und Zeichnungen), sondern auch die Personen waren verstrickt.
Kein anderer als Lyonel Feininger hatte als Illustrator und Charikaturist 15 Jahre für den Mosse-Verlag gearbeitet.
Die auflagenstärkste Zeitung Berlins war das im Mossehaus gedruckte “Berliner Tageblatt”, dessen illustrierte Beilage “Ulk”, mit so bekannten Namen wie Heinrich Zille, George Grosz und eben Lyonel Feininger innigst verbunden war.

Leider entwickelte sich in Deutschland aus diesem Humus nicht der Comic, dennoch wurde 1906 Feininger mit einem fürstlichen Gehalt als Comiczeichner nach Nordamerika abgeworben.
Welche fruchtbare Zeit für Feininger der Comic war, das zeigt Braun wunderbar auf.  Das Feininger als Storyteller scheitert wird nicht verschwiegen, aber dass hier im Comic Feiningers Bildmotive und Sujets anfangen, mit denen er uns heute als Bauhaus-Maler so bekannt ist, wirft ein neues Licht auf seinen künstlerischen Werdegang.
Der Verdienst Brauns ist es eben nicht die kurze Comic-Episode Feiningers als “hin zum seriösen Bauhaus-Maler” zu beschreiben, sondern eigenständig zu werten.
Das Mossehaus wurde nach schweren Kriegszerstörungen anfang der 1990er wieder rekonstruiert.

Sebastian Strombach
mossehaus_strombach
Abbildung:
Potpourri des Mossehauses (Schützenstraße, Ecke Jerusalemer Straße) aus dem Comic-Projekt des Autors:
die Panels sind eine Zusammenstellungen aus verschieden Sequenzen, in der ersten stürzt der Held der Geschichte von einem Zeppelin in das Haus, er gerät in die Wirren des Spartacus-Aufstandes, später hilft er dann beim Wiederaufbau des Hauses durch Erich Mendelsohn.

SA. 18.06.2016 12:00 Uhr: STADTFORSCHERTRAINING #21 mit Sebastian Strombach

WALDEMAR GEHT MIT . . .

Stürmische Zeiten- Waldemar K. und der Zeppelin

Stürmische Zeiten- Waldemar K. und der Zeppelin

Was hat ein Zeppelin mit dem Prenzlauer Berg zu tun? Und hat am Prenzlauer Berg immer nur die Biedermeier-Bionade gelebt?
Natürlich nicht! Auf den Spuren meines Großvaters Waldemar K. wollen wir den Prenzlauer Berg durchstreifen und uns fragen wie Geschichte und Geschichten erzählt wird und werden.
Waldemar K. lebte und erlebte den Prenzlauer Berg zwischen 1921 und 1951.
Wir besuchen ihn in der Wohnung seiner Eltern, und lernen den Schrecken der dort lauerte kennen.
Wir werden von Hungerwintern und ganz persönlichen Krisen erfahren und
Schwarzmarkt -Tauschgeschäfte selber mitmachen.
Spielerisch werden wir selber Geschichten erzählen zu Orten die um die Ecke liegen aber 1000 Jahre entfernt liegen.

Beginn: Samstag, 18. Juni 12:00 Uhr (s.t.=pünktlich)
vor dem Frannz- Biergarten in KulturBrauerei, Schönhauser Allee 36, 10435 Berlin – Prenzlauer Berg

Dauer: Ca. 2 Stunden mit abschließender Einkehr.
Die Teilnahme erfolgt auf eigenes Risiko und ist kostenlos. Jedoch wäre es schön, wenn jede teilnehmende Person ein Spende für die Vortragenden oder Vermittelnden und die Materialien geben könnte.

Das Stadtforschertraining findet zweimonatlich, i.d.R. jeweils am 3. Samstag statt. Datum, Zeit, Treffpunkt und Thema werden rechtzeitig über die üblichen Plattformen bekanntgegeben.

 

Und das kam heraus bei den Heldengeschichten:

bearbeitet_sft_kjhsafaish

Foto: Paul Lange

sft_waldemar_jadjdbjd

Foto: Paul Lange

Stadtspaziergang im Rahmen der Tagung “Mehr als Willkommen”

Stadtspaziergang im Rahmen der Tagung “Mehr als Willkommen”

11_Stadtspaziergang-0217Foto: Mona Wetzel / Sophie Klein

Die Bundesvereinigung Soziokultureller Zentren e.V.  hatte Sankt Urban eingeladen einen Stadtspaziergang durchzuführen.
Kurzweilig wurden die TeilnehmerInnen von der Tagung in der KulturBrauerei zur
Auftaktveranstaltung KULTUR ÖFFNET WELTEN im Deutschen Historischen Museum geführt.
Bei strahlenden Sonnenschein erfuhren die TeilnehmerInnen vom bewegten Leben des Waldemar K. der sein Leben im Prenzlauer Berg zubrachte.
Spielerisch wurde anhand eines Einzelnen vermittelt wie Geschichten erzählt werden, und anhand von einen “glocalen” Perspektive zur ganz großen Geschichte  herübergeleitet.
Schwarzmarkt, Hungerwinter und ganz persönliche Krisen stellten auch einen ganz aktuellen Bezug her zur Gegenwart und aktuellen Fluchtgeschichten.
Schön war der Austausch in der Gruppe als es darum ging fremde, oder besser gesagt fremd gewordene (Sütterlin-) Schriften zu lesen.
Und mehr als einmal schmunzelten die TeilnehmenInnden bei den vielfältigen Liebesgeschichten des Waldemars K.
Punktgenau landeten wir schließlich im Lustgarten und beschlossen den Spaziergang mit unserer Lieblingsbaustelle. . .

11_Stadtspaziergang-0212Foto: Mona Wetzel / Sophie Klein

11_Stadtspaziergang-0240Foto: Mona Wetzel / Sophie Klein

MEIN SPIEGEL

mein_spiegel_strombach_011

mein_spiegel_strombach_02

Nazi=Comics ist eine Antwort von Sebastian Strombach auf den Artikel von Georg Diez “Eine Reise ans Ende des Verstandes” auf Spiegelonline.

Diez schreibt in seinem Artikel über Adolf Hitlers ” Mein Kampf” und vergleicht dabei dieses Buch mit Comics. Das wollte ich nicht so stehen lassen.

Über die Komplexität von Comics habt Ihr hoffentlich schon auf meinen Stadtforschertrainings einiges erfahren, demnächst werde ich dieses Thema noch in einen Vortrag vertiefen.

Spaziergangswettbewerb 2015 – DA LANG! – Urbane Spiele

Mal neue Wege gehen!

Mal neue Wege gehen!

Täglich weisen uns sichtbare und unsichtbare Regeln und Zeichen den Weg durch die Stadt. Gesetze und Verordnungen aber auch Verkehrszeichen und Piktogramme organisieren und bestimmen unser Verhalten. Dies teils radikal und unbewusst, weil wir die Rahmenbedingungen des Fortkommens (“nicht zu spät kommen!”, „keine Umwege gehen!“, „nicht trödeln!“, „effektiv und effizient sein!“ ) schon von Kindesbeinen an verinnerlicht (bekommen) haben.

Doch diese Regeln sind letztlich nicht so harmlos, wie sie auf den ersten Blick scheinen: Architektur, Städtebau und Stadtplanung folgen eben diesen Regeln und organisieren somit über Zulässigkeit oder Ausgrenzung, über Performativität und Anmutung nicht nur unser Verhalten, sondern konfigurieren eine gesellschaftliche Ordnung, die durch Markierungen, Grenzen und Gatter manifest wird.

Doch was, wenn wir beschließen die Stadt als Spielfeld zu begreifen und wenn wir in dieser Konsequenz unsere eigenen Regeln und Spielregeln aufstellen? Was, wenn wir uns Versuchsanordnungen überlegen und die oben beschriebene Logik, nach der Städte gebaut sind, auf die Probe stellen? Weiterlesen